Der Tanz vor Messina

Fotografiezyklus bestehend aus 12 Triptychen mit querformatigem Mittelteil (Höhe zu Breite 2:3), die Höhe der Seitenteile entsprechen der Höhe des Mittelteils und haben das Seitenverhältnis 3:2, oft handelt es sich bei den Seitenteilen um das gleiche Motiv, nur gespiegelt.

Bei einer Reise nach Sizilien fiel mir nach einigen Tagen auf, dass ich beim Fotografieren bevorzugt Motive wählte, mit Dingen, die von der Gesellschaft gemeinhin als Abfall oder Unrat bezeichnet , und deshalb üblicherweise nicht beachtet werden, oder nur dann, wenn sie als Verunreinigung oder Verschandelung der Umgebung unangenehm wahrgenommen werden.

Mein Interesse an diesen Gegenständen weckten aber nicht derartige negative Assoziationen sondern ein rein formalästhetischer Reiz, der mich mehr unterbewusst antrieb, die Motive ins Bild zu setzen. Da ich mich immer schon stärker der „subjektiven Fotografie“ verpflichtet fühlte und weniger der Dokumentarfotografie, war dieses Verhalten, anfänglich, nicht weiter verwunderlich.

Als mir jedoch immer mehr auffiel, dass beim Fotografieren, Abfall so stark meine Aufmerksamkeit weckte, entwickelte sich in mir ein Unwohlsein in Bezug auf diese Art der Ästhetisierung von Minderwertigem.

Ich diskutierte dieses Phänomen mit meiner Frau, um mir Klarheit zu verschaffen, was denn der Antrieb für meine Handlungsweise sei. Da jedoch keine Erklärung zu finden war, überlegte ich schliesslich ob es nicht ausreichend wäre, das Problem, ohne schlechtes Gewissen auf den Auslöser zu drücken, einfach dadurch zu lösen, keinen Film in der Kamera zu haben um dennoch genüsslich die Motive im Sucher betrachten zu können und so oft ich wollte auf den Auslöser zu drücken.

Doch dazu konnte ich mich nicht durchringen, denn dann wären auch keine Aufnahmen der wunderschönen Landschaft und Architektur Siziliens zustande gekommen. Bisher galten ja, in erster Linie, diesen Motiven meine Aufmerksamkeit beim Fotografieren.

Also fotografierte ich in gewohnter Manier weiter, wenn auch ab und an mit zweifelnder Überwindung und es kam auch manchmal vor, dass ich ein Motiv im Sucher betrachtete und überlegte ob es nicht ausreichend wäre es dabei zu belassen.

Auf der Rückreise, kurz vor Messina, war es dann auch fast so weit, dass ich nach der Besichtigung einer verfallenen Olivenpresse, neben einer Kirche, deren Eingang beiderseits mit, aus Lavagestein gemeisselten, Voluten geschmückt war, ein eigenartiges, bündelähnliches Gebilde, das im Lavaschotter vor mir lag, zwar mehrmals durch den Sucher betrachtete, aber ohne abzudrücken, überschritt. Nach etwa drei bis fünf Schritten jedoch, kehrte ich hastig um, und bannte die Form auf den Film.

Genau dieser Gegenstand sollte ein halbes Jahr später der Auslöser für die hier beschriebene Werkgruppe sein. Denn erst etwa sechs Monaten nach meiner Rückkehr raffte ich mich auf, die Filme der Sizilienreise zu entwickeln und Abzüge davon herzustellen.

Gerade das Motiv bei dem ich so viel zweifelte, ob es Sinn macht, festgehalten zu werden, erschloss sich mir als Fotografie mit besonderer Magie.

Bei anfänglicher Betrachtung dieses Gegenstandes, kommen einem Anklänge an Formen aus dem Voodookult in den Sinn. Intensivere Überlegungen führen aber schnell zu der Erkenntnis, dass es sich bei den drei strohähnlichen Bündeln, die bis zu ihrer halben Länge als ein Bündel zusammengeschnürt sind und sich erst ab der oberen Hälfte dreiteilen (mit einem kurzen geraden Bündelstrang in der Mitte und den beiden längeren, nach links und rechts, sich biegenden Strängen), um einen sehr stark abgenutzten Strohbesen (natürlich ohne Stiel) handelt.

Mit etwas Fantasie kann man, bedingt durch die Seitenbündel, den Oberkörper eines, die Arme euphorisch nach oben werfenden, Tänzers assoziieren. (Die Form regte mich sofort dazu an, ein grösserformatiges Bild zu malen.)

Da ich auch die beiden Voluten am Eingang der Kirche abgelichtet hatte fiel mir der formale Zusammenhang (bedingt durch die Symmetrie) mit dem „Tänzer“ auf. Diese formale Übereinstimmung veranlasste mich, das querformatige Besenmotiv mit den beiden Voluten zu flankieren. Eigentlich von der Überlegung her eher ungewöhnlich, da die Symmetrie beim „Tänzer“ sowieso schon deutlich war, aber es ergab sich eine Steigerung der Bildwirkung, vor allem dann, als ich die Volutenfotos (die ja Hochformate waren und anfänglich gleiche Grösse hatten wie der Besenstrunk), in ihrer Höhe der Querformathöhe des Fotos vom „Tänzer“ anpasste.

Das so entstandene Triptychon regte mich an, weitere Triptychen, sowohl formaler als auch inhaltlicher Art, der auf der Sizilienreise entstandenen Fotos zusammenzustellen. Da die beiden Voluten sich kaum voneinander unterschieden und man oberflächlich betrachtet von der Spiegelung eines Motivs hätte ausgehen können, verfuhr ich mit einigen, sich dafür anbietenden, hochformatigen Fotos in dieser Weise und spiegelte sie.

Es entstanden so 12 Triptychen.

TanzVorMessina11
TanzVorMessina00
TanzVorMessina10
TanzVorMessina09
TanzVorMessina08
TanzVorMessina07
TanzVorMessina03
TanzVorMessina05
TanzVorMessina04
TanzVorMessina02
TanzVorMessina06
TanzVorMessina01